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14.04.2010 14:54
RE: Patrick Ferguson Antworten

Da viele in Empire die Fergusonschützen nehmen, hier mal der geschichtliche Hintergrund

Major Patrick Ferguson´s Gewehr, oder was wäre wenn...?


Obwohl es am 1. Juni 1776 wie aus Kübel goß, fand auf dem Schießstand des Woolwich-Arsenals eine Schießvorführung statt. Die Anwesenden Militärs staunten nicht schlecht: Captain Patrick Ferguson schoß mit seinem neuen Gewehr in fünf Minuten zwanzigmal und steigerte seine Feuergeschwindigkeit auf sechs Schüsse pro Minute. Auch ein Liter Wasser, in Lauf und Pfanne gegossen, hielt Ferguson keine halbe Minute vom Weiterschießen ab. Dazu traf jeder Schuß die Scheibe, ob auf 200 Yards, auf 100 Yards, im Stehen, Laufen oder im Liegen.

Rein äußerlich sah Fergusons Gewehr mit seinem langen rundem Lauf und dem schlichten Kolben ohne Backe aus wie die üblichen, glattrohrige Brown-Bess Muskete der britischen Infanterie – mit einem Unterschied: Fergusons Waffe war ein Hinterlader mit gezogenem Lauf. Schaft und Schloß des Steinschlossgewehrs waren am hinteren Laufende vor der Schwanzschraube senkrecht durchbohrt. In dieser Gewindebohrung saß ein drehbarer Verschlusszapfen, dessen Unterseite am vorderen Teil des Abzugsbügels befestigt war. Über einen kleinen Griff am hinteren Teil des Abzugsbügels war dieser wie eine Kurbel zu bedienen

Wurde dieser Abzugsbügel nach links gedreht, schraubte der Verschlusszapfen sich nach unten und gab das hintere Ende des Laufes frei. Zum Laden neigte der Schütze die Laufmündung vornüber und ließ eine Kugel von hinten in den Lauf rollen, bis sie auf die Felder stieß. Dann schüttete er Pulver hinterher. Zuviel davon war kein Problem für das narrensichere System: Der Verschlusszapfen schob beim Zudrehen das überschüssige Treibmittel einfach nach oben hinaus, so dass das Gewehr nicht überladen werden konnte.




Der Erfinder dieses Gewehrs, Patrick Ferguson (1744-1780), war der Sohn eines Magistratsbeamten und stammte aus Aberdeenshire im schottischen Hochland. Von klein auf mit der Jagd in den Glens (Bergschluchten) seiner schottischen Heimat vertraut, trat Ferguson mit 14 Jahren als Fähnrich in die britische Armee ein. Er galt als einer der besten Schützen Großbritanniens und war mit allen waffentechnischen Neuerungen vertraut.



Freguson war aber nicht der erste, der den Dreh bei vertikalen Hinterladerverschlüssen raus hatte. Schon um 1730 baute der Franzose Isaac de la Chaumette in London Sportgewehre und –Pistolen mit einer ähnlichen Konstruktion, die der Londoner Büchsenmacher John Warshop später überarbeitete. Auch andere Büchsenmacher wie Leak aus London oder Johann Adam Knöt aus Böhmen bauten Gewehre mit Schraubverschluß. Alle diese Waffen waren allerdings nicht für das Militär, sondern für die Jagd bestimmt.

Ferguson experimentierte etwa ab 1774 mit diesen verschiedenen Versionen des Hinterladers und führte eine Reihe von Verbesserungen ein. Den Zapfen versah er mit einem Schnellgewinde, so das die Ladeöffnung nach genau einer Kurbelumdrehung freilag. Um das Gewinde von Pulverrückständen freizuhalten, schliff er senkrechte Entlastungsrillen in den Drehzylinder. Schließlich ließ er sich von dem Büchsenmacher Durs Egg ein Infanteriegewehr mit seinem Verschluß bauen.

Der Ferguson-Hinterlader verband eine schnelle Schußfolge mit hoher Treffsicherheit – Qualitäten, mit denen weder die gängigen Steinschloßflinten noch die gezogenen Militär-Jägerbüchsen aufwarten konnten. Bis dahin zogen die Militärs die glatte Vorderladermuskete der gezogenen Büchse vor, weil sich der Musketenlauf schneller laden ließ. Der Soldat musste nicht wie ein Büchsenschütze seine Kugeln förmlich in den Lauf hämmern, sonder schob die unterkalibrige Kugel locker mit dem Ladestock nach unten. Allerdings um den Preis einer miserablen Trefferquote. Die Kugel saß dann so lose im Lauf, das ein Infanterist stolz sein konnte, wenn er mit seiner Steinschloßmuskete auf 80 Schritt ein mannsgroßes Ziel traf.

Fergusons Konstruktion ließ sich unabhängig davon, wie der Lauf innen verarbeitet war, schnell laden, da die Kugel nicht durch den Lauf geschoben werden mußte. Und so waren seine Ladezeiten auf dem Schießstand in Woolwich sensationell für damals, als selbst die besten britischen Regimenter pro Minute höchstens drei Salven zustande brachten, und Büchsenschützen gerade mal einen Schuß abgaben. Überdies war das Ferguson-Gewehr unempfindlicher gegen Regen und ließ sich bequem im Liegen oder Sitzen hinter einer Deckung feuerbereit machen. Dagegen mußten Vorderladerschützen ihre Gewehre im Stehen mit dem Ladestock laden, wobei ihnen die feindlichen Kugel um die Ohren flogen.

Obwohl Ferguson ein paar Tage nach der Demonstration in Woolwich auch König George III. mit den unübersehbaren Vorzügen seines Gewehrmodells begeisterte, reagierten die Beamten des britisches Kriegsministeriums zurückhaltend. Sie ließen zunächst nur 100 Ferguson-Modelle für die Infanterie herstellen, um die Waffe im Feld zu erproben. Vier Büchsenmacher erhielten Verträge über die Fertigung von jeweils 25 Büchsen.

Diese Ausführung sah ähnlich wie die herkömmliche Brown-Bess-Muskete aus, wog 3,5 Kilogramm und hatte einen 34 Zoll (86 Zentimeter) langen Rundlauf mit acht Zügen. Die Gesamtlänge betrug 50 Zoll (112 Zentimeter). Das Kaliber schwankte zwischen .60 und .69. Der Schaft aus Wallnußholz war entgegen dem Militärwaffen-Trend dieser Epoche nicht mit Laufbändern oder Haltestiften am Lauf befestigt, sondern mit Laufkeilen. Alle Beschläge waren aus Messing. Der unter dem Lauf angebrachte Putzstock übernahm auch die Funktion des Entladestocks: Mit ihm stieß der Schütze die Ladung aus dem Lauf, wenn er das Gewehr ungeladen tragen wollte. Als Visierung diente ein Blattkorn und eine V-förmige Kimme, vor der ein größeres Klappvisier mit diopterähnlicher Öffnung saß. Für den Nahkampf statteten die Büchsenmacher das Modell mit einem rund 25 Zoll (56 Zentimeter) langen Bajonett aus.

Gegen Ende des Jahres 1776 bestellte das Kriegsministerium zusätzliche 200 Waffen darunter auch spezielle Offiziersausführungen. Büchsenmacher wie John Whatley und Matthias Barker aus Birmingham bauten weitere Ferguson-Büchsen für die Infanterie. Die Offiziersversionen stellten unter anderen die renommierten Büchsenmacher Durs Egg aus London und Francis Innes aus Edinburgh her. Diese Ausführung wog drei Kilogramm und hatte einen Achtkantlauf von 24 bis 26 Zoll (61 bis 65 cm) Länge. Ihr Kaliber reichte von .58 bis .60.

Im Unterschied zum Infanteriemodell besaß die Offiziers-Ferguson einen Halbschaft aus Wallnußholz. Der Vorderschaft enthielt eine Aussparung für ein festangebrachtes, ausklappbares Nadelbajonett von 24,5 Inches (ca. 65 cm) Länge. Die besser verarbeiteten Offizierswaffen erhielten ein sorgfältigeres Finish und Fischhautverschneidungen.

Mit den Waffen aus dem ersten Auftrag schickte das Kriegministerium Ferguson nach Nordamerika, wo seit 1775 der amerikanische Unabhängigkeitskrieg in vollem Gange war.
Aus 100 ausgesuchten Hochlandschotten und der englischen Krone treu ergebenen amerikanischen Loyalisten, den sogenannten Torries, bildete er eine Scharfschützenkompanie, die mit seinem Gewehrmodell ausgerüstet wurden. Ferguson grüngekleidete Scharfschützen nahmen 1777 an einer entscheidenden Schlacht um die Stadt Philadelphia teil. Zusammen mit hessischen Soldaten errichteten sie eine so beeindruckende Feuerwand, dass die Amerikaner glaubten, die Hauptmacht der Briten vor sich zu haben. In der Zwischenzeit umging der weitaus größte Teil der Armee unbemerkt die Flanke der Rebellen.

In dieser Schlacht trat aber auch eine Kinderkrankheit des neuen Gewehrs zutage: Die durchgängige Ladeöffnung entpuppte sich als Schwachstelle an Lauf und Schaft. So rissen bei einigen Ferguson-Büchsen die Walnußschäfte im Bereich des hinteren Laufendes ein. Daraufhin wurde der Schaft einiger Waffen durch ein U-förmiges Eisenblech verstärkt.

Im Verlauf dieses Gefechtes hatte Ferguson eine Begegnung, deren Bedeutung ihm erst später klar wurde, wie er in einem Brief an seinen Bruder schrieb. Er bemerkte zwei amerikanische Offiziere, die in nur knapp 100 Meter Entfernung an seiner Gruppe vorbeiritten. Ferguson befahl den Rebellen mit der Waffe im Anschlag, sich zu ergeben. Zu seiner Verblüffung ignorierten die beiden seltsamen Reiter die britischen Gewehrmündungen. Erst zögerte er, honorierte dann aber, ganz britischer Gentleman, ihren Mut und ließ sie wegreiten. Als er später, von einer Kugel am rechten Ellenbogen getroffen, ins Lazarett kam, gab er hier sein Erlebnis zum besten. Gefangene US-Offiziere klärten ihn über die Identität der geheimnisvollen Reiter auf: Ferguson hatte General Washington samt seinem Adjutanten gegenüber gestanden. Hätte er Washington vom Pferd geschossen, wären er und seine Waffe schlagartig berühmt gewesen.

Stattdessen wurde Fergusons Truppe aufgelöst, noch während er im Lazarett lag. Sein kommandierender General verfrachtete die Gewehre kurzerhand nach Nova Scotia und verteilte die Schützen auf andere Einheiten. Damit war der Kriegs-Einsatz der Kurbel-Büchsen in Amerika auch schon beendet. Zwar stellte Ferguson nach seiner Genesung ein neues Kommando auf, aber das kämpfte gegen die Rebellen in den Carolina-Provinzen nur mit normalen Infanteriemusketen. Entgegen einiger Überlieferungen trug keiner von Fergusons Männern in den folgenden Feldzügen eine Waffe mit seinem Hinterlader-Prinzip.

Der Erfinder fiel am 7. Oktober 1780 bei King´s Mountain, wo er mit seinen 1100 Mann auf ungefähr 3000 Rebellen traf. Viele der Amerikaner führten langläufige Pennsylvania-Büchsen und waren erprobte Scharfschützen. Die zahlenmäßig unterlegenen Briten und Torries hatten mit ihren glatten Musketen keine Chance gegen die aus dem Dickicht feuernden Rebellen.
Als Ferguson zu Pferd versuchte, die Männer für einen Durchbruch zu sammeln, bot er mit seinem karierten Jagdhemd den Blackwoodsmen (Siedlern der Hinterwälder) ein zu gut sichtbares Ziel: Sie schossen den Schotten aus dem Sattel.

Nach Fergusons Tod fehlte die treibende Kraft, die sich für sein Gewehrsystem eingesetzt hätte. So geriet das Konzept in Vergessenheit – zumal für die herkömmliche Lineartaktik die Muskete ausreichte. Auch die von Fergusons Scharfschützenkommando einmal eingesetzten Waffen verschwanden bis auf wenige Exemplare. Einen Teil davon soll angeblich US-General „Mad“ Anthony Wayne in die Hände gefallen sein.

Ob während des Unabhängikeitskrieges noch einmal Waffen mit Ferguson-System militärisch eingesetzt wurden, liegt genauso im Dunkeln wie der Verbleib eines Großteils der ingesamt 300 Waffen. Einige gelangten zu britischen Ost-Indien-Company oder wurden an Privatleute verkauft. Gerüchten zufolge benutzten noch vor knapp 90 Jahren einzelne Bewohner des Appalachengebirges im Süden der USA solche Hinterlader aus der Revolutionszeit.

Sammler tun sich heute schwer, an Chaumette- oder Ferguson-Originalwaffen heranzukommen. Sind Steinschloßhinterlader generell schon sehr selten – vor allem solche, die nachweislich in den amerikanischen Revolutionskämpfen verwendet wurden -, so zählt ein Original-Ferguson zu den Attraktionen jeder Auktion. Sammler müssen mit Preisen von 20000 Dollar aufwärts rechnen.

Aber auch die Nachbauten dieser Waffen sind rar gesät. Zwar fertigte vor über zehn Jahren ein englischer Büchsenmacher einige Replikas in Handarbeit, aber die kosteten schon damals um 5000 Mark und sind heute im Besitz von Privatsammlern.

In der Feuerwaffenaustellung des Smithsonian- Institutes in Washington liegt ein Exemplar, dessen Vergangenheit die Waffenhistoriker ganz genau kennen: Es ist Fergusons persönliches Gewehr, das er dem Tory Frederic de Peyster aus New York schenkte. Dessen Sohn, John W. de Peyter, überließ den Hinterlader gegen Ende des letzten Jahrhunderts dem Kriegsministerium der USA als Leihgabe. 1905 forderte das Smithsonian-Institut die Waffe für das nationale Museum an. Und hier liegt noch heute die Büchse, mit der beinahe George Washington erschossen worden wäre.


Quelle: Visier/ Ausgabe vom Juli 1991
http://en.wikipedia.org/wiki/Patrick_Ferguson

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